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Archiv: Geschichten erzählen

Leon kam eines Morgens ganz verweifelt in den Kindergarten. Sonst hatte er immer einen kleinen Stoffhund bei sich, den er Wuffel nannte, aber an diesem Tag fing er gleich zu weinen an, als ich ihn fragte, wo er Wuffel gelassen hätte. "Ich hab ihn verloren, gestern auf dem Spielplatz. Meine Mama und ich haben ihn gesucht, aber er war einfach weg."

Meine Kollegin Kathrin versuchte ihn zu trösten und gab ihm einen Teddy in die Hand, aber Leon warf ihn auf den Boden und schmollte weiter. Da fing sie an "Vielleicht ist der Wuffel ja verreist". Leon schaute sie ungläubig an. - "Ja, ich glaube, er wollte mal was anderes sehen und ist nach Italiern gefahren." Und sie begann zu erzählen, was Wuffel in Italien alles anschauen und erleben würde. Leon hörte aufmerksam zu.

In den folgenden Tagen beobachtete ich immer wieder, dass Leon und Katrin sich über Wuffel unterhielten. Wuffel erlebte in diesen Gesprächen aufregende Abenteuer in Italien und Spanien, es ging ihm gut, und Leon konnte nicht genug von diesen Geschichten hören. Und eines Morgens brachte Kathrin eine Postkarte zum Vorschein, deren Vorderseite ein Bild aus Südspanien zeigte. Sie las Leon den krakelig geschriebenen Text vor: "Lieber Leon, ich bin auf Reisen und habe schon viel gesehen und erlebt. Mir geht es sehr gut, aber ich muss viel an Dich denken und vermisse Dich. Liebe Grüße, Dein Wuffel." Leon strahlte.

Marianne, Erzieherin

Eine Freundin erzählte mir von diesem Projekt, in dem es um Geschichten aus der Kindheit geht. Ich habe nun ein paar von den Geschichten gelesen und musste dabei an meine eigene Kindheit denken. Meine Großmutter wohnte bei uns im Haus, wir hatten ein großes Haus auf dem Land, und nachdem mein Großvater gestorben war, zog sie in ein Zimmer im ersten Stock ein. Dort saß sie am Abend oft, hörte Radio, strickte oder las. Oft ging ich nach dem Abendessen zu ihr, denn es gefiel mir in dem Zimmer. Sie begann dann meist aus ihrem Leben zu erzählen, und sie hatte ein langes Leben und hatte viel zu erzählen. Sie hatte zwei Weltkriege miterlebt, Flucht und Vertreibung, zwei ihrer Kinder starben schon, als sie ganz klein waren. Und doch wirkte meine Großmutter nicht verbittert, sondern gütig, und oft lächelte sie auch in sich hinein, wenn sie eine ihrer Erinnerungen auffrischte. So erfuhr ich viel über die frühere Zeit, und auf mich als Kind machten diese Geschichten ungeheueren Eindruck.

Ich bin nun schon seit Jahren Erzieherin in einem großen Kindergarten und habe angeregt, einmal in der Woche eine Erzählstunde zu veranstalten. Dann sitzen wir Erzieherinnen und die Kinder zusammen, und wer möchte, erzählt etwas, was er erlebt hat. Die Kinder, auch die lebhaften, sind in diesen Stunden ganz ruhig und hören andächtig zu. Und ich muss immer wieder an meine Großmutter denken und daran, wie wir abends in ihrem Zimmer beieinander saßen.

Marianne, 48, Erzieherin


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