Eine Freundin erzählte mir von diesem Projekt, in dem es um Geschichten aus der Kindheit geht. Ich habe nun ein paar von den Geschichten gelesen und musste dabei an meine eigene Kindheit denken. Meine Großmutter wohnte bei uns im Haus, wir hatten ein großes Haus auf dem Land, und nachdem mein Großvater gestorben war, zog sie in ein Zimmer im ersten Stock ein. Dort saß sie am Abend oft, hörte Radio, strickte oder las. Oft ging ich nach dem Abendessen zu ihr, denn es gefiel mir in dem Zimmer. Sie begann dann meist aus ihrem Leben zu erzählen, und sie hatte ein langes Leben und hatte viel zu erzählen. Sie hatte zwei Weltkriege miterlebt, Flucht und Vertreibung, zwei ihrer Kinder starben schon, als sie ganz klein waren. Und doch wirkte meine Großmutter nicht verbittert, sondern gütig, und oft lächelte sie auch in sich hinein, wenn sie eine ihrer Erinnerungen auffrischte. So erfuhr ich viel über die frühere Zeit, und auf mich als Kind machten diese Geschichten ungeheueren Eindruck.
Ich bin nun schon seit Jahren Erzieherin in einem großen Kindergarten und habe angeregt, einmal in der Woche eine Erzählstunde zu veranstalten. Dann sitzen wir Erzieherinnen und die Kinder zusammen, und wer möchte, erzählt etwas, was er erlebt hat. Die Kinder, auch die lebhaften, sind in diesen Stunden ganz ruhig und hören andächtig zu. Und ich muss immer wieder an meine Großmutter denken und daran, wie wir abends in ihrem Zimmer beieinander saßen.
Marianne, 48, Erzieherin